Wolf Vostell, KRIEGSKREUZIGUNG, Text von Dieter Ronte, 2007

Wolf Vostell, KRIEGSKREUZIGUNG, Text von Dieter Ronte, 2007

Wolf Vostell malte dieses Bild 1953. Es ist erstaunlich, wie diese Themen z.B. in dem Koreamassaker, in den Jesusvariationen nach Alten Meistern, Jesus mit TV, Bildkomposition mit verstecktem Golgatha-Motiv, der Sündenbock usw. später wieder auftauchen.

Vostell ist zu diesem Zeitpunkt 21 Jahre alt, also in dem Alter, in dem man definitiv auf der Suche nach sich selbst ist. Später werden die Optionen geringer, sie schwinden im zunehmenden Alter bis zur Gänze. Diese Arbeit ist deshalb wichtig und typisch, zeigt sie doch die Aufnahme der Wirklichkeit der Medien, der Fotografien, der Objekte und der eigenen Erinnerung an eine Zeit, die den jungen Wolf Vostell geprägt hat: der Krieg und der Katholizismus des Rheinlandes.

In der Manier von L’Art Brut setzt der junge Vostell seinen Flieger in den Himmel, brennend, mit einem Christus, der auf die Kreuzform des Flugzeuges aufgenagelt ist. Es ist der Viernageltypus, der Christus triumphans, nicht der leidende, durchgehängte, der dennoch in dem Bild einen schrecklichen Anblick bietet. Das Flugzeug ist wie als Raubtier mit seiner Haispitze gekennzeichnet. Der Flieger stürzt mit dem Gekreuzigten ab.

Das Bild spricht für eine wache Beobachtung in einer delikaten ikonografisch richtigen Wiedergabe; wahrscheinlich nach einem uns nicht bekannten Vorbild (vielleicht das Gerokreuz im Kölner Dom) und zugleich für eine vehemente Umformung von ikonografischen Vorgaben. Dieses Umformen zugunsten einer neuen Bild-Wahrheit ist auch in der Geschichte der katholischen Kirche nicht unbekannt. Es ist das treibende Agens für eine Weiterentwicklung, für neue Fragestellungen, denen Wolf Vostell in seinen beginnenden Jahren als bildender Künstler sich nicht nur unterwirft, sondern sie geradezu fordert und erneuert.

Dieser Clash der ikonografischen Vorgaben ist ein Zusammenfinden von Dingen, die eigentlich nicht zusammengehören. Erst viele Jahrzehnte später sehen wir den Papst mit dem Flugzeug in alle Welt fliegen. Das Bild spricht sehr früh für das Vostellsche Interesse an elementaren Erfahrungen aus der eigenen Biografie, sowie der offiziellen ikonografischen Setzung, sei es der der Kirche, der Bibel oder der des Krieges, der Aviation mit allen ihren Problemen und abgeworfenen Bomben. Dieses Bild spricht Hoffnung aus und negiert Hoffnung. Christus stürzt mit ab. Zugleich wird das Bild wieder Gleichnis, sowie es die Bibel lehrt: Christus stirbt für uns.

Die Sprengkraft der frühen Bilder von Vostell ist von großer Brisanz. Hier beginnt das spätere CEuvre, das zugleich durch dieses Bild auch seine Wurzeln aufweist. Diese Wurzeln sind authentisch und zugleich global verstehbar. Vostell hat sehr früh anders erkannt als seine abstrakten Mitstreiter des deutschen Informel.

53/54 ist das Jahr, in dem die große Generation von Kricke, Götz, Hoehme, Brüning usw. den Schritt von der Gegenständlichkeit zur Abstraktion gefunden hat. Vostell geht diesen Schritt nicht stilistisch im Sinne der französischen, der Pariser Schule, sondern ikonografisch. Er baut dadurch eine unglaubliche Sprengkraft auf.

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