Wolf Vostell, JESUS MIT TV-HERZ, Text von Klaus Honnef, 2007

Wolf Vostell, JESUS MIT TV-HERZ, Text von Klaus Honnef, 2007

Wie ein Chirurg schneidet der Künstler in das flüchtige Gewebe der Beziehungen zwischen Bild und Betrachter. Und als Pathologe seziert er die komplexe Verfassung der Welt der Bilder einerseits und des Wahrnehmungshorizontes der Betrachter andererseits. Wolf Vostell besaß die unglaubliche Fähigkeit, das vielfältig verflochtene Netzwerk eines visuellen Gebildes gleichsam auf einen Schlag sichtbar zu machen. Deshalb sprengt jeder Versuch einer diskursiven Analyse die Evidenz seiner Bildfindungen, ohne je ihre Durchschlagskraft erreichen zu können. Auch wenn der Spruch, wonach ein Bild mehr als tausend Worte sagt, nur in den seltensten Fällen gilt – für viele Werke Vostells trifft er zu, für „Jesus mit TV-Herz“ besonders.

In technischer Hinsicht handelt es sich um eine Assemblage. Die Assemblage ist eine Variante der Montage, die zugleich ihr ästhetisches Prinzip bildet. Das ästhetische Prinzip der Montage fügt zusammen, was nicht zusammen gehört. Aus möglichen Kollisionen oder Assoziationen schlägt es seine Funken. Im Falle von „Jesus mit TV-Herz“ bestehen die einzelnen Bildelemente aus der fotografischen Vorlage eines unbekannten Gemäldes, einem kleinen Monitor, einigen kürzeren und längeren, beinahe strahlenförmig angeordneten blauen Farbspuren sowie einem tiefen Rahmen mit doppeltem Profil.

Die Vorlage zeigt ein Abbild Jesu Christi im Kielwasser des Guido Reni. Mit ziemlicher Sicherheit datiert sie aus dem 19. Jahrhundert. Wahrscheinlich, dass die Vorlage, die Vostell verwendete, bereits fotografischer Herkunft war. Die Art und Weise, wie Christus dargestellt wurde, reiht das Abbild in die Spezies des „Herz-Jesu-Bildes“ ein. Denn der Dargestellte weist mit beiden, von den Stigmata markierten Händen aufsein Herz. Mit einem Kreuzzeichen bekrönt befand sich das Herz mitten auf seiner Brust. Vostell hat das Herz durch einen Fernsehmonitor ersetzt. Die Konsequenz: Christus‘ Hände rücken den Bildschirm als entscheidendes Bildmotiv ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Vom leuchtenden Herzen auf dem roten Untergewand ist nur noch das obere Segment eines Nimbus‘ zu erkennen. Ein farblich identischer Nimbus um das Haupt Christi unterstreicht dessen eindringlichen Blick auf die Betrachter. Herz-Jesu-Bilder sind keine Derivate der künstlerischen Tradition. Sie entstammen dem Fundus der Devotionalien. Ursprünglich Andachtsbilder nach Visionen der heiligen Margareta Maria Alacoque anno 1675 hatten sie ihre Blütezeit in der Herz-Jesu-Verehrung des 19. Jahrhunderts. So verdankt sich die Vorlage für Wolf Vostells Werk mutmaßlich auch einer proto-industriellen Fertigung. Deren Bilder unterscheiden sich lediglich graduell und technisch von den elektronischen Bildern des Fernsehens.

Über die Bande der Geschichte spielt Wolf Vostell mit den Bällen unterschiedlicher Bildvorstellungen, durchkreuzt und überschneidet ihre unsichtbaren Verlaufslinien und unterminiert als dezidierter Dadaist die letzten Übereinkünfte einer ästhetischen Theorie der Spätmoderne, indem er ihre Widersprüche kurzschließt. Nichts ist, wie es scheint. Die Vorlage kann nicht einmal eine künstlerische Herkunft für sich beanspruchen, das Medium Video (Fernsehen) hat sich dagegen künstlerisch legitimiert. Die flüssigen Pinselhiebe auf der Bildoberfläche besiegeln am Ende als Hinterlassenschaft künstlerischer Subjektivität, des Herzblutes sozusagen, den Status der Assemblage als Kunstwerk. Wolf Vostell öffnet obendrein die Perspektive auf die Betrachter des Bildes und bezieht sie in seinen Wirkungskreis unmittelbar ein. Das Bild der Vorlage und die Bilder des Fernsehens sind populäre Bilder. Darüber hinaus zirkulieren sie in der privaten Sphäre und entfalten ihre Wirkung im individuellen Umgang. Sei es als Korrespondenten eines Gesprächs mit Gott wie das Andachtsbild, sei es als Vehikel des täglichen Weltkonsums in Form der TV-Bilder. Wenn vor den Fernsehbildern auch niemand mehr wie einst vor manchem Andachtsbild nach einer bissigen Bemerkung Hegels die Kniee beugt – sie fordern oder absorbieren den säkularen Glauben der Menschen. Eine epistemologische Erkenntnis liefert der Vergleich zwischen Andachts- und Fernsehbild nicht – im Sinne der künstlerischen Wahrheit „offenbart“ Wolf Vostells Analogie den Kern der Sache.

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