Wolf Vostell, IHR KANDIDAT, Text von Markus Heinzelmann, 2007

Wolf Vostell, IHR KANDIDAT, Text von Markus Heinzelmann, 2007

Im Jahr 1961, in dem die Dé-coll/age „Ihr Kandidat“ entsteht, vollzieht Wolf Vostell einen entscheidenden Schritt in seiner Kunst. Er veranstaltet mit „CITYRAMA“ das erste deutsche Happening; und er wendet sich von den Plakatabrissen ab, die seit Beginn seiner künstlerischen Tätigkeit im Jahr 1954 den Kern seiner Arbeit gebildet hatten. Die neuen „dé-coll/age-Verwischungen“ (Vostell), mit Bleistift und Kreide überzeichnete und verwischte Fotografien, emanzipieren seine Arbeit von den so genannten Affichisten Dufrene, de la Villegle, Hains und Rotella. Zugleich bringt das Jahr 1961 richtungsweisende Veränderungen in der bundesdeutschen Politik mit sich: Am 13. August wird mit dem Bau der Mauer begonnen, und am 17. September finden Wahlen zum vierten deutschen Bundestag statt, in denen die CDU mit ihrem Kandidaten Konrad Adenauer die absolute Mehrheit verliert und dadurch zu einer Koalition mit der FDP gezwungen wird. Für die SPD tritt zum ersten Mal der populäre Regierende Bürgermeister von West-Berlin, Willy Brandt, als Kanzlerkandidat an. Es ist der erste bundesdeutsche Wahlkampf nach amerikanischem Vorbild, in dem die Sachpolitik zugunsten der persönlichen Ausstrahlung der Kandidaten in den Hintergrund tritt. Mit dem Titel „Ihr Kandidat“, der in der Dé-coll/age ein Wahlplakat mit dem fragmentierten Gesicht von Ludwig Erhard überschreibt, bezieht sich Vostell polemisch auf diesen Verlust von Inhalten. Auf der gleichen Bildseite erkennt man den Abriss eines Plakates mit dem Konterfei von Willy Brandt, dessen einziger Text (in der Decollage nicht erkennbar) lautete: „Voran mit Willy Brandt. SPD“. Das Auge Erich Mendes wiederum gehörte ursprünglich zu einem Plakat, auf dem Mendes Gesicht vor einem schattenhaft blau gehaltenen Dreiviertelportrait von Theodor Heuss entschlossen in die Zukunft blickt: „In seinem Geist mit neuer Kraft. FDP“. In der Mitte von „Ihr Kandidat“ findet man ein Plakat der CDU in doppelter Klebung wieder: Es zeigt das Brandenburger Tor, das durch die Reihung nunmehr gespenstische acht statt nur vier Kolonnaden zählt. Auch das nur schwer identifizierbare Plakat mit dem Hinweis auf eine Kölner CDU-Wahlveranstaltung mit dem Hauptredner Kai-Uwe von Hassel ist insgesamt dreimal auf der Fläche zu erkennen. Rainer Barzel, der nach der Wahl zum Minister für Gesamtdeutsche Fragen ernannt wird, erhält von Wolf Vostell einen leuchtend rot geschminkten Frauenmund. Am rechten unteren Bildrand gibt Lenin noch den Geist aus der Flasche.

Mit „Ihr Kandidat“ kämpft Wolf Vostell – ein Generalthema seiner Kunst – gegen den Verlust von Komplexität in der gesellschaftlichen Kommunikation und, damit einhergehend, im individuellen Bewusstsein. Vostell hat an anderer Stelle seine künstlerische Absicht erklärt: „Wenn eine Information mehrmals täglich wiederholt oder wenn ihr eine übertrieben große Bedeutung beigemessen wird, kann sie heftige geistige Verwirrung hervorrufen, einen Wahnsinn, den das ästhetische und gegenständliche Denken bekämpfen muss“. Um dieses pädagogische Ziel zu erreichen, gibt Wolf Vostell sogar einen Grundsatz seiner Abrisse auf: Während er im Sinne seiner Philosophie vom vorgefundenen Objekt stets darauf geachtet hatte, ausschließlich originale, im öffentlichen Raum von anonymer Hand entstandene Plakatschichtungen zu bearbeiten, ist „Ihr Kandidat“ ganz offensichtlich vom Künstler selbst für den Abriss vorbereitet und komponiert worden: Zu deutlich sind die sorgsam angewinkelten Verklebungen sowie die Mehrfachverwendungen von Motiven in die Gesamtästhetik eingepasst und dem rhetorischen Ziel untergeordnet. Insofern bildet „Ihr Kandidat“ ein wichtiges Scharnier von den klassischen Dé-coll/agen zu den „dé-coll/age-Verwischungen“ und auch den Happenings, mit denen Wolf Vostell noch zielgerichteter an einer Veränderung von Lebensumständen arbeitete.

In dem polaren erzieherischen Denken Vostells, bei dem die politisch-messianische Absicht immer vor der ästhetischen rangiert, lautet die Hoffnung: Sobald die Kunst gesellschaftliche Missstände sichtbar macht, kann sie den Betrachter zu einer offenen Kommunikation zurückführen, die den Einzelnen jenseits politischer Ideologien genauso respektiert wie die kleinen alltäglichen Dinge.

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