Wolf Vostell, BERLIN – FIEBER, Text von Gabriele Uelsberg, 2007

Wolf Vostell, BERLIN – FIEBER, Text von Gabriele Uelsberg, 2007

Mit der Arbeit „Berlin-Fieber“ greift Wolf Vostell ein Happening auf und wandelt es in eine bildkünstlerische Szenerie zwischen Dokumentation und Realität.
Im Jahr 1973 beauftragte der neue Berliner Kunstverein als Hauptveranstalter Wolf Vostell mit der Realisierung des Environments „Auto-Fieber“ sowie des Happenings „Berlin-Fieber“. Beim Happening standen die Wagen in Reihen dicht hintereinander und fuhren 30 Minuten. Dann wurden siebenhundertfünfzig Mal die Kofferräume geöffnet, dreihundertfünfundsiebzig Mal ein weißer Teller hineingelegt und dreihundertfünfundsiebzig Mal wieder herausgenommen. Dieses Ritual wurde möglichst schnell und ohne Unterbrechung ausgeführt. Danach wurden Stoffbahnen auf die Erde vor der Autokolonne gelegt und die weißen Teller darauf gelegt. Dann griff sich jeder eine Hand voll Salz aus einem Sack heraus und platzierte es auf dem Teller. Die Wagenkolonne fuhr wieder mit langsam­ster Fahrt an und die Autos überquerten nun die Tücher mit den Tellern und dem Salz. Die Happening­teilnehmer hatten die Anweisung erhalten, während der ganzen Fahrt an ihrer Hand zu lecken, in der sie vorher das Salz aus dem Sack auf den Teller gelegt hatten. Danach wurden die Motoren wieder abgestellt. Ein jeder Teilnehmer war nun gehalten, seinen überfahrenen Teller oder dessen Reste auf dem Nesseltuch festzunähen. Die Tücher mit den aufgenähten Tellern wurden dann an einen Baum gehängt. Ein Zettel mit den Aufzeichnungen über die Handlungen während der Fahrt, über das Kup­peln, das Schalten, das Gasgeben und Bremsen wurden im Kofferraum der jeweiligen Autos mit einem Tesaband festgeklebt. Wolf Vostell ging es darum, einen gezielten Dialog von Kunst und alltäglichem Leben in Gang zu setzen, um Prozesse zu evozieren, die Handlung und Beobachtung gleichzeitig in einen gedanklichen und existentiellen Veränderungsprozess überführen. Vostell formulierte so Fragen über Gesellschaft und Umfeld des Menschen, der immer wieder durch Gewalt, Intoleranz, Krieg und Tod bedroht ist.
Die Leinwandarbeit erinnert an diesen großen Autokorso. Im linken Bildteil findet sich ein solcher ­nicht überfahrener – Teller an einer Schnur montiert und verweist auf die rechte obere Ecke, die von einer großen Bleiplatte überzogen ist, die gleichsam den Himmel verdüstert und mit der zerdrückten Oberfläche aufziehende Wolkenformationen anzudeuten scheint. Die Bildfläche zeigt Fotoüberarbei­tungen mit Großstadtarchitekturen, Intimsituationen zweier junger Frauen und dem Bildnis eines gebrochenen Mannes, der sein Gesicht in Händen hält. Bilder aus tagesaktuellen Magazinen und Zeitungen, die auf konkrete Erlebnisse, Tragödien oder eben auch Alltagsbanalitäten verweisen. Wolf Vostell verwebt so Bildelemente und Übermalungen zu einem decollagierten Portrait zeitgeistigen Lebens. Gesteigert wird der Wahrnehmungsgrad der Arbeit durch Ineinbeziehung von konkreten Elementen der Realität, wie der Teller und der „Bleimantel“. Wolf Vostell gelingt es darin, den Betrachter aus dem Hort künstlerischer Anschauung zu reißen und ihn hineinzustoßen in die Lebensrealität der Banalität ohne ihm die Möglichkeit der Rückbeziehung auf illusionistische oder künstlerische Attitüde zu lassen, der ansonsten sowohl Künstler wie Rezipient ständig unterworfen sind. Die Schichtungen, die Vostell in dieser Arbeit durch Überblendung, Übermalung und Überdeckung erreicht, gliedern die Bildfläche in ein vielschichtiges Gewebe von Assoziation, Konkretion und Evokation.

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