Wolf Vostell, B 52 (LIPPENSTIFTBOMBER), Text von Wolfgang Becker, 2007

Wolf Vostell, B 52 (LIPPENSTIFTBOMBER), Text von Wolfgang Becker, 2007

Dieser dunkle Flieger, der das Bild unter seinem oberen Rand durchschneidet, ist ein Sinnbild mäch­tiger, zerstörerischer Libido: BUFF – Big Ugly Fat Fellow Fucker nannten ihn die Gls in Vietnam, die seinen Flächenbombardements im Mekong-Delta täglich zusahen. Diese „Stratofortress“ aus der Zeit des kalten Krieges ist noch heute im Einsatz.
Das Sperma des „Wals“ schießt nicht aus seiner Spitze, sondern fällt wie Froschlaich aus seinem Bauch – Bomben in Hundertschaften. Wolf Vostell hat die Bilder der Sprengkörper auf dem Foto, das er benutzte, durch dreizehn geöffnete Lippenstifte ersetzt. Sie sind dem Siebdruck appliziert; nicht Reproduktionen, sondern die Objekte selbst, und sie ziehen das Bild, vor dem sie stehen, in ihre Wirklichkeit hinein. Das grafische Zeichen des Bombers ist nun ein mächtiger Schatten, der sich der Erde nähert; dicke Qualmwolken breiten sich auf ihr aus.
Woran habe ich gedacht, als mir Wolf Vostell das Blatt 1969 in Köln zeigte? Wir lebten in der Phase der Peripetie des Vietnamkrieges; die Amerikaner zogen sich aus dem Land zurück und begannen, eine Niederlage einzugestehen. Täglich sahen wir Bilder einer gequälten, verletzten, getöteten Zivilbevölkerung. Die Frage, die ein Plakat verbreitete: „and babies?“ erschütterte uns. Vostell „verarbeitete“ den Vietnamkrieg in zahlreichen großen und kleinen Werken, Originalen und Druckgrafiken. Ich hatte in einem Kosmetik-Haushalt gelebt, in dem die Fragestellung der Brüder Charles und Joseph Revlon weiter entwickelt wurde, wie die Farben von Lippenstiften und Nagellacken aufeinander abge­stimmt werden sollten. Ich sammelte Lippenstifte und fand ihre Mechanik ebenso faszinierend wie die halb geöffneten, signalfarbig bemalten Lippen von Joan Crawford, Jane Russell und Marilyn Monroe. Ich dachte an Sarah Bernhardt, die den gerade erfundenen Lippenstift benutzte, um ihr Theaterpubli­kum an ihren kirschroten Mund zu fesseln, und meine erotische Fantasie gaukelte mir dieses Traum­bild vor, wie der blutrote ölige Wachsstift sich aus seiner metallenen Hülle schiebt und zügig über die zartfaltige Haut der Mundränder fährt, wie sie sich befriedigt schließen und wohlig aneinander reiben. Dann erwachte ich.

Der „Lippenstift-Bomber“ von Wolf Vostell löst noch heute die Betroffenheit aus, die ich damals empfand. Ich will mich von ihr befreien und sage: Eine durchgeknallte Libido. Aber Vostells Bild ist nicht auf­dringlich, nicht vordergründig, nicht anklagend, nicht expressiv. Es trägt sein Argument in aller Ruhe vor, wenngleich das Jahr seiner Entstehung für größte Unruhe, für eine höchste Anspannung steht, in der wir gemeinsam lebten.

Das Argument hat sich von diesem Jahr 1968 gelöst. Es gilt heute im Irak und in Afghanistan und wird in der Zukunft andere Orte finden. Die Lippenstifte vertreten einen platten, neuzeitlichen Eros, derein Versprechen in ein trügerisches, morbides Bild hüllt; ein Versprechen, das in der Unabhängig­keitserklärung der Vereinigten Staaten in die Worte geschmiedet wurde „Life, Liberty and the Pursuit of Happiness“. Der Bomber verkörpert die Macht, die das Versprechen einzulösen entschlossen ist. Das sind mehr als „War Games“ einer „durchgeknallten Libido“. Vostell ist ein bedeutungsvolles Bild gelungen.

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