Wolf Vostell, 9. NOVEMBER 1989, Text von Fritz Pleitgen, 2007

Wolf Vostell, 9. NOVEMBER 1989, Text von Fritz Pleitgen, 2007

Das Bild ging um die Welt, es signalisierte das Ende einer Epoche, die Nachkriegszeit fand ihren entfesselt gefeierten Abschiuss. Das Fernsehen schien sich daran zu berauschen. Stundenlang wurden die Szenen auf allen Kontinenten gezeigt. Tausende tanzten auf der Berliner Mauer, trunken vor Freude und ungläubigem Staunen.

Gestern wäre ihr Tun noch mit dem Tode bestraft worden. Wer sich gegen den Willen der ostdeutschen Machthaber der DDR-Grenze näherte, musste damit rechnen, erschossen zu werden. Todsicher, im wahrsten Sinne des Wortes!

Und nun? Der Eiserne Vorhang hatte seinen Schrecken verloren, er war durchbrochen; die Ost-West-Konfrontation schlich sich davon, nachdem sie jahrzehntelang die Menschheit mit der Gefahr eines nuklearen Weltkrieges terrorisiert hatte.

„Wahnsinn“ riefen sich die Bürgerinnen und Bürger in Deutschland zu. Niemand hatte mit diesem Ereignis gerechnet, so schnell und so friedlich. Unfassbar für alle: das Ende der deutschen und europäischen Teilung bahnte sich an.

Das Bild von Wolf Vostell vermittelt die Vitalität, die elementare Wucht der sich überstürzenden Ereignisse im deutschen November 1989. Bei Wolf Vostell hat die Mauer, wie es in jenen Tagen tatsächlich über Nacht geschah, ihren früheren Charakter völlig verändert. Nichts mehr hat sie von ihrer ursprünglichen Überwindbarkeit und Feindseligkeit. Niedrig erscheint sie auf dem Bild, eine bequeme lange Bank für die Schaulustigen.

Es ist eine Darstellung aus der Westsicht! Völlig zu Recht! Es waren die Wessis, die die Mauer in Besitz nahmen, nachdem sie von den Bürgern im Osten aufgestoßen worden war. Nun bedurfte es keines Mutes mehr, die kläglichen Versuche der DDR-Grenzer zu ignorieren, die Mauerstürmer aus dem Westen abzuwehren. Vostell zeigt sie, wie sie sich auf dem „antifaschistischen Schutzwall“ drängen und das Gefühl des historischen Augenblicks auskosten. In die hemmungslose Freude mischt sich auch das Überlegenheitsgefühl des selbstgefälligen Westens und unverhohlene Lüsternheit auf gute Beute.

Die wahren Helden der Wende in Deutschland bleiben auf Vostells Bild unsichtbar. Sie hatten in der DDR ihrer autoritären, selbstgefälligen Staatsgewalt Widerstand entgegengesetzt und nie aufgegeben, obwohl sie lange völlig chancenlos waren. Am Ende hatten sie mit ihrer Haltung immer mehr Mitbürger ermutigt, der allmächtigen Staatspartei SED den Gehorsam zu verweigern und die Furcht vor der allgegenwärtigen Geheimpolizei zu überwinden. Die Deutsche Einheit war nicht ihr Ziel, aber am Ende ihr Verdienst. Die auf der Mauer saßen, hatten indes den größten Profit. Doch diese Bilanz wird sich im Laufe der Jahrzehnte ausgleichen. Die drei Fernsehgeräte, die zu der großen Arbeit gehören, werden diesen Prozess begleiten. So behält Wolf Vostells historisches Werk in alle Zukunft seine Aktualität.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s